Epoxidharz

Epoxidharz fungiert in Marlon Nikolais Praxis als Membran, Tiefenraum und Medium der Konservierung. In malerischen wie skulpturalen Arbeiten ermöglicht es unterschiedliche Zustände zwischen Verbergen und Sichtbarwerden, Oberfläche und räumlicher Tiefe, Gegenwart und bewahrter Vergangenheit.
Durch unterschiedliche Grade von Opazität, Transluzenz und Transparenz entsteht ein Spektrum der Sichtbarkeit. Eingeschlossene Pigmente, Schriften, Spuren, Objekte oder frühere Zustände eines Werkes können deutlich hervortreten, nur teilweise zugänglich oder dem unmittelbaren Blick entzogen bleiben. Das Verborgene erscheint damit nicht als einfacher Gegensatz zum Sichtbaren, sondern in unterschiedlichen Graden der Erfahrbarkeit. Entscheidend ist nicht nur, ob etwas sichtbar wird, sondern wie es in Erscheinung tritt.
In der Malerei erweitert Epoxidharz die Oberfläche zu einem optischen Tiefenraum. Schichten können überlagert und eingeschlossen werden, ohne dass frühere Zustände vollständig verschwinden. In skulpturalen Arbeiten kann diese Tiefe selbst zum physischen Raum werden: Das Harz bildet Volumen, Hülle oder Einschlussraum, in dem Materialien und Informationen innerhalb eines materiellen Körpers bewahrt, verborgen oder sichtbar werden.
Licht ist dabei ein aktiver Bestandteil der Wahrnehmung. Es trifft nicht nur auf eine Oberfläche, sondern kann in das Material eintreten, durch Schichten geführt, gestreut, reflektiert oder gebrochen werden. Abhängig von Materialdichte, Umgebung und Betrachtungsposition verändert sich, was zugänglich erscheint. Der Blick bewegt sich zwischen Oberfläche und Tiefe, zwischen unmittelbarer Sichtbarkeit und dem, was sich ihr teilweise entzieht.
Zugleich besitzt Epoxidharz eine zeitliche Dimension. Was eingeschlossen wird, wird fixiert und bewahrt. Das Material kann wie eine Zeitkapsel funktionieren: Gesten, Pigmente, Schriften, Objekte und frühere Zustände bleiben innerhalb späterer Schichten materiell präsent. Vergangenheit wird nicht ausgelöscht, sondern kann in der Gegenwart fortbestehen — sichtbar, fragmentarisch zugänglich oder verborgen.
Die Verarbeitung folgt einem über zahlreiche Materialstudien entwickelten, mehrschichtigen Verfahren. Präzise vorbereitete Oberflächen und aufeinander abgestimmte Arbeitsschritte erzeugen die charakteristische Verbindung aus Tiefe, Transparenz und Oberflächenwirkung. Die konkrete Methode bleibt Teil des atelierinternen Know-hows. Entscheidend ist ihre künstlerische Funktion: Der Prozess bestimmt mit, was eingeschlossen wird, was hervortritt, was zurückweicht und wie Licht in den materiellen Körper des Werkes eintritt.
Epoxidharz wird so zum materiellen Träger einer zentralen Frage der Praxis: Wie kann etwas vorhanden sein, ohne vollständig sichtbar oder unmittelbar zugänglich zu sein?